Kolumne von Thomas Bublitz

Blick in die Zukunft

„Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“, wusste schon Karl Valentin. Dennoch hilft es nicht, die Zukunft zu verschlafen. Das gilt auch für die medizinische Versorgung, die sich ständig weiterentwickelt: durch die Veränderungen der Altersstruktur und des Krankheitsspektrums, durch neue Behandlungsmethoden, durch Spezialisierung und Digitalisierung, den offensichtlichen Fachkräftemangel, durch geänderte Ansprüche an den Arbeitsplatz sowie durch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen und auch durch immer knappe wirtschaftliche Ressourcen.

In der Summe wird dies alles wohl dazu führen, dass zukünftig weniger Krankenhausbehandlungen benötigt und in Anspruch genommen werden. Die Verkürzung der Verweildauer, der Rückgang der Fallzahlen und die Zunahme ambulanter Behandlungen machen dies heute schon sichtbar. Flankiert wird diese Entwicklung durch diverse Studien von Gesundheitsökonomen und Medizinern, die den Abbau von stationären Überkapazitäten fordern.

Die Zukunftsfragen lauten: Können wir nach Corona weitermachen, als sei nichts gewesen? Brauchen wir weiterhin jedes heute vorhandene Krankenhaus? Liegt die Lösung in noch größeren Verbünden und Strukturen? Müssen die vorhandenen Angebote regional ausgerichtet und gebündelt werden? Die Entscheidungen darüber werden nicht zentral in Berlin am Schreibtisch der Politiker und Funktionäre getroffen, sondern vor Ort. Dort, wo man die Verantwortung trägt und die Auswirkungen konkret einschätzen kann. Nicht mehr alles überall anzubieten, erfordert Weitsicht und Mut und ist unangenehm. Aber letztlich wird damit ein Ende des Wettrennens um Wachstum und Kapazitätssteigerungen eingeleitet, das ohnehin nicht weiter funktionieren kann. Dieser allmähliche Prozess wird die Krankenhauslandschaft nicht schlagartig verändern und in den Ballungszentren beginnen, wo ganz offensichtlich zu viele Kapazitäten existieren. Betreffen wird er sowohl Klinikstandorte als auch das Personal.

Private Klinikträger wurden in jüngster Zeit dafür gescholten, dass sie vor diesem Hintergrund eine vorausschauende Standort- und Personalplanung betreiben. Das kommt in der Öffentlichkeit vielleicht gut an, weil es Vorurteile vom gewinnsüchtigen Investor bedient. Klug und weitsichtig ist das aber nicht. Wie zum Beispiel die kürzlich vom Verband der Leitenden Krankenhausärzte erhobene Forderung nach einem dringenden ärztlichen Kapazitätsaufbau für die Münchener Helios Kliniken. Das klingt für die eigene Klientel populär, verantwortungsvoll ist es hin- gegen nicht. Echte Gespräche vorausgesetzt, wären wir uns vermutlich schnell einig, dass in München rein gar nichts fehlt. Keine Ärzte abzuwerben und einzustellen ist vielleicht gar keine schlechte Idee und der Beginn einer vernünftigen Entwicklung.