Kolumne von Thomas Bublitz

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Wenn man aktuell die Berichte über die Versorgung in unseren Krankenhäusern in den Medien hört, fallen im gleichen Atemzug Begriffe wie Pflegekollaps oder Pflegenotstand. Als Grund dafür wird die Profitgier der Krankenhausbetreiber genannt. Auch einige unserer Politiker surfen gerne auf dieser Skandalwelle, um daraus Kapital für die eigene Popularität zu schlagen.

Über die Kollateralschäden des verbalen Wettrüstens in der Öffentlichkeit machen sich weder Politiker noch die Medien Gedanken. So darf es nicht verwundern, dass immer weniger junge Menschen bereit sind, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Vielleicht sind viele von ihnen einfach nur abgeschreckt.

Die Zahl der Pflegekräfte in den Krankenhäusern ist in den vergangenen Jahren nicht gesunken. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der Vollkräfte im Pflegedienst mit direktem Beschäftigungsverhältnis zwischen 2005 von

302.346 und 2017 auf 328.327 und damit um neun Prozent erhöht. Dennoch ist es zweifelsohne zu der beklagten Verschärfung der Arbeitsbedingungen in der Pflege gekommen. Dies liegt aber vor allem daran, dass die Zahl der Patienten im gleichen Zeitraum um 18 Prozent doppelt so stark wie der Zuwachs der Pflegekräfte anstieg (von 16.539.398 auf 19.442.810 Patienten). Nur am Rande möchte ich anmerken, dass sich dieser Trend einer steigenden Patientenzahl je Vollkraft in der Pflege gleichermaßen über alle Krankenhausträger darstellt. Zwischen 2005 und 2016 stieg die Zahl der Patienten je Vollkraft in der Pflege trägerübergreifend von rund 61 auf rund 68. Nachzulesen auch schwarz auf weiß im RWI-Faktenbuch Krankenhäuser 2018.

Ursächlich für diese Entwicklung ist die Sparpolitik des Bundes und der Länder. Wer politisch entscheidet, Krankenhäusern von steigenden Tariflöhnen nur die Hälfte zu erstatten, sorgt für Personalabbau. Denn nur so können Krankenhäuser steigende Personalkosten refinanzieren. Das trifft auch die SPD, denn sie hat an diesen Entscheidungen verantwortlich mitgewirkt. Es nun als Erfolg zu verkaufen, diesen Umstand nur für die Pflege zu beenden, ist fragwürdig. Denn es bleibt bei diesem Mechanismus für alle anderen Berufsgruppen im Krankenhaus. Auch die Bundesländer tragen Verantwortung: Sie verletzen die ihnen zugewiesene gesetzliche Verpflichtung zur Investitionskostenfinanzierung. Dieser Rechtsbruch führt zu den heute beklagten Personalzuständen im Krankenhaus. Wer akzeptiert, dass Krankenhäuser nur durch Einsparungen unter anderem beim Personal investitionsfähig bleiben, trägt Mitschuld.

Ja, wir brauchen dringend mehr qualifiziertes Personal in unseren Krankenhäusern. Dies gewinnen wir aber nur, wenn wir potenzielle Fachkräfte davon überzeugen, dass ein solcher Beruf eine gute Entscheidung ist. Dazu muss die Politik die Finanzierung sicherstellen. Jeder muss wissen: Wer mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, richtet drei Finger dieser Hand auf sich selbst.


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