Meinung

Bublitz_web

Goethe soll gesagt haben: "Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen." Wenn ich über die krankenhausrelevanten Punkte des Koalitionsvertrags nachdenke, beschleichen mich leise Zweifel, ob die politisch Verantwortlichen das getan haben. Folgende Fragen fallen mir sofort ein:

Welche qualitativen und/oder quantitativen Pflegemängel im Krankenhaus wollen wir abstellen? Unbestritten ist der Arbeitsplatz Pflege im Krankenhaus anspruchsvoll und fordernd: Schichtarbeit, hohe Flexibilität und eine steigende Zahl immer kränkerer, älterer und multimorbider Patienten, die immer kürzer im Krankenhaus bleiben. Pflegekräfte, aber auch alle anderen im Krankenhaus Tätigen stecken damit im berüchtigten Hamsterrad. Falsch ist, dass im Krankenhaus kontinuierlich Pflegestellen abgebaut wurden: Von 2007 bis 2016 stieg die Zahl der Vollzeitkräfte im Krankenhaus um zehn Prozent auf 326.000. Niemand weiß, wie viel besser die Lage des Pflegepersonals und der Patienten gewesen wäre, wenn der Zuwachs 15 oder 20 Prozent betragen hätte. Der bloße quantitative Aspekt kann es also nicht sein. Was wäre qualitativ zu verbessern? Mehr Zeit beim Patienten für Hilfe beim Essen, für Gespräche? Weniger Dekubitus, Infektionen und Behandlungsfehler, höhere Patienten- oder Mitarbeiterzufriedenheit? Diese Diskussion gehört an den Anfang!

Welche Maßnahmen können diese Mängel beseitigen? Trägt dazu die Einstellung zusätzlicher Pflegekräfte bei, oder müssen die Prozesse, wie die Kommunikation zwischen Ärzten und Pflegern, verändert werden? Kann die Digitalisierung helfen? Funktioniert das Krankenhaus ohne klassische Abteilungsstruktur optimaler?

Finden wir in allen Krankenhäusern die gleiche Ausgangslage vor? Einheitliche Lösungen verlangen, dass in allen Krankenhäusern eine vergleichbare Situation existiert. Das bezweifle ich. Damit fehlt die Voraussetzung, die Vorgaben rechtfertigt, die mit der Gießkanne über alle Krankenhäuser gleichermaßen ausgeschüttet werden.

Ab welchem Ergebnis bezeichnen wir das Vorhaben als erfolgreich? Niemand aus Politik und Selbstverwaltung konnte bisher die Frage beantworten, ab welcher Zahl zusätzlicher Pflegekräfte wir von einem Erfolg oder Misserfolg der Initiative reden können. Ich bin ziemlich sicher, dass Pflegeverbände und Verdi das Ergebnis immer als völlig unzureichend und politisch verfehlt bezeichnen werden. Die Schelte kassiert die Politik.

Welche anderen Gründe könnte die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in der Pflege haben? Ich glaube, dass der Anreiz der Krankenhäuser, bei den Personalkosten zu sparen, vor allem durch politisch akzeptierte und gewollte Unterfinanzierung entstanden ist. Da ist der bekannte Tatbestand der mangelhaften Investitionsfinanzierung durch die Länder. Er zwingt Krankenhäuser, Betriebskosten, vor allem beim Personal, einzusparen, um daraus nötige Investitionen zu finanzieren. Gleiches gilt für die nur hälftige Refinanzierung der Tarifkosten. Diese politische Entscheidung führt dazu, dass mit jedem Tarifabschluss zusätzliche Personalkosten eingespart werden müssen. Diesen Effekt haben übrigens auch der Fixkostendegressionsabschlag und die normative Abwertung der DRG mit vermutetem wirtschaftlichen Potenzial.

Ich hoffe, der neue Gesundheitsminister stellt vor der stumpfen Abarbeitung des Koalitionsvertrags vernünftige Fragen. Sicher finden sich dann auch weise Antworten.


Unsere Partner