MediClin AG: Engpass Pflege - was tun?

"Selbst Prämien locken Pfleger nicht", titelte am 9. Februar 2018 die Süddeutsche Zeitung. In Hamburg oder im Ruhrgebiet werden teilweise hohe Abwerbegelder für Pflegekräfte gezahlt. Auf Krankenhäuser und Reha-Kliniken trifft diese Situation gleichermaßen zu.

Ulf Ludwig, Vorstand Mediclin AG, berichtet über die Maßnahmen, die in den Kliniken vor Ort zur Gewinnung von Pflegekräften eingesetzt werden.

Inzwischen dauert es im Schnitt bis zu 180 Tage, eine frei gewordene Stelle neu zu besetzen. Natürlich spüren auch die Mediclin-Häuser diese Situation. Speziell unsere neurologischen Kliniken, vor allem jene mit einem Angebot für Phase B-Patienten, stehen in einem harten Wettbewerb um Intensivpflegekräfte. Dennoch müssen wir die Situation differenziert betrachten.

Das Fachkräfteangebot ist an den einzelnen Standorten sehr unterschiedlich. Deshalb nützt es nichts, mit nur einem Konzept auf die Suche nach Pflegekräften zu gehen. Vielmehr brauchen wir einen ganzen Werkzeugkasten an Maßnahmen, die je nach Situation vor Ort eingesetzt werden können. Darüber muss eine klare Employer Branding-Strategie existieren.

Mut für neue Wege

Wir stellen fest, dass die Erfolge der einzelnen Maßnahmen sehr unterschiedlich sind. Deshalb monitoren wir den Aufwand, die Ergebnisse und die benötigte Zeit für jedes Instrument. Und natürlich gibt es auch Misserfolge. Das gehört dazu. Wir sind aber überzeugt, dass es besser ist, Mut für neue Wege zu haben und dabei auch einmal fehlzugehen, als nur auf eingefahrenen Gleisen zu fahren. Grundsätzlich bemerken wir, dass die Wirkung klassischer Stellenanzeigen stark nachlässt. Wir testen daher auch die Wirkung von Online-Instrumenten und Social-Media-Kanälen. Ein Beispiel: ein Film über unsere Pflege-Verbundausbildung, den wir in der Kinowerbung nutzen und auf unseren Plattformen verbreiten. Hier sprechen Auszubildende über die Vorteile einer Pflegeausbildung bei Mediclin. Damit einher geht quasi eine Umkehrung des Bewerbungsvorgangs. Konnten sich Arbeitgeber früher darauf verlassen, dass sie der potenzielle Bewerber findet, muss sich nun das Unternehmen bei potenziellen Mitarbeitern bewerben.

Mitarbeiter werden Botschafter der Klinik

Das gute Image des Hauses wird zur Voraussetzung für alle weiteren Maßnahmen. „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“ funktioniert nur, wenn diese überzeugt sind, in einem guten Unternehmen zu arbeiten, und so als Botschafter des Hauses agieren können und wollen. Für uns ein ganz wichtiger Punkt – neben den bewährten Maßnahmen wie Kooperationen mit Pflegeschulen, aber auch dem Anwerben ausländischer Pflegekräfte.

All das erhöht den Aufwand für die Personalabteilungen. Üblich sind heute nur noch kurze Interessenbekundungen, danach müssen dann die Bewerber kontaktiert werden. Der Bewerbungsprozess wird zum Dialog zwischen Unternehmen und Bewerber.

Maßnahmen für Reha-Kliniken

Für unsere Reha-Kliniken hat es sich bewährt, unterschiedliche Gruppen unter den Pflegekräften gezielt anzusprechen. Da sind einerseits die ambitionierten Pflegekräfte, die sich beruflich weiterentwickeln möchten. Ihnen müssen wir die vielfältigen Möglichkeiten aufzeigen, die sich beispielsweise in der neurologischen Reha mit Intensivpflege und Weaning bieten. Dann gibt es Pflegekräfte, die im Akuthaus schon zwanzig Jahre Vollgas geben und nun merken, dass es ihnen immer schwerer fällt, dieses Tempo zu halten. Ihnen können wir in der Reha eine andere Taktung ihres Arbeitsalltags bieten. Das meint nicht ein weniger anspruchsvolles Tätigkeitsspektrum. Aber wir haben in den Rehabilitationseinrichtungen durch die Therapien andere Abläufe: So kommen Notfallpatienten und ungeplante Eingriffe nicht vor. Ein wichtiger Faktor ist auch, dass Pflegekräfte in der Reha dichter an den eigentlichen Kern ihres Berufs herankommen: Sie begleiten den Patienten bei der Gesundung.

Erfolgsfaktor: Dialog auf Augenhöhe

All diese Aspekte vermitteln wir, wenn wir potenzielle Mitarbeiter ansprechen. Faire Arbeitsbedingungen mit verlässlicher Freizeitplanung sowie berufliche Perspektiven im Unternehmen gehören ebenso dazu wie eine adäquate Bezahlung. Dass wir in Deutschland deutlich mehr Pflegekräfte ausbilden und ihnen die Wertschätzung entgegenbringen müssen, die sie verdienen, ist eine wichtige Erkenntnis. Und ebenso die Tatsache, dass Bewerber und Arbeitgeber auf Augenhöhe miteinander agieren. Dies zu verinnerlichen und sämtliche Bewerbungsmechanismen dementsprechend auszurichten, ist aus unserer Sicht entscheidend für den Erfolg.