Kliniken weiter im Ausnahmezustand: Die Lage bleibt angespannt

Die Belegungszahlen der Reha- und Vorsorgeeinrichtungen waren im vierten Quartal 2020 besonders stark eingebrochen, dieser Trend hat sich im ersten Quartal 2021 verstärkt fortgesetzt. Für die nächsten Monate erwarten die Kliniken zwar Besserung – die Kosten- und Erlösrechnung bleibt aber weiter negativ.

Die sinkenden Corona-Infektionszahlen machen auch den Vorsorge- und Reha-Einrichtungen durchaus Hoffnung, dass es im Sommer wieder aufwärts geht. Dennoch bestehen große Unsicherheiten: Welchen Einfluss hat das Impfgeschehen auf das Verhalten der Patienten? Wie entwickelt sich die Akutversorgung? Gibt es eine Lösung dafür, dass die Kosten auch durch die Corona-Zuschläge nicht gedeckt werden? Zudem bestehen je nach Behandlungsindikationen deutliche Unter- schiede in der Einschätzung, wie die aktuellen Statements aus den Kliniken zeigen.

Dr. Ursula Becker, Geschäftsführende Gesellschafterin der Dr. Becker Klinikgruppe, Köln:

Die Belegungssteuerung brauchte in den vergangenen Monaten viel Flexibilität und Beharrlichkeit aufgrund direkter und indirekter Corona-Effekte wie kurzfristige Patientenabsagen, abgesagte OPs, Ausbruchsgeschehen. Die Nachfrage nach Heilverfahren ist dramatisch eingebrochen, aber die Nachfrage nach Anschlussheilverfahren steigt langsam wieder. Gerade jetzt versucht die AOK NordWest über Kliniklisten ihre Versicherten in besonders billige Kliniken zu steuern. Da- mit hebelt sie das politisch gestärkte Wunsch- und Wahlrecht der Patienten aus und macht für die Krankenhäuser und uns die Belegungsplanung unnötig kompliziert und aufwendig. In der Pandemie hat sich das Aussetzen des Bewilligungsvorbehalts bewährt und in der Neurologie nachgewiesenermaßen sogar die Krankenhausaufenthalte um sieben bis zehn Tage verkürzt. Dieses Erfolgsmodell gehört schnellstmöglich in der AHB umgesetzt, damit Patienten aller Indikationsbereiche ihre in der Pandemie verschobenen OPs nachholen und von einer wirklich nahtlosen Anschluss-Reha profitieren können.

Dr. Katharina Nebel M. Sc., Geschäftsführende Gesellschafterin der Private Kliniken Dr. Dr. med. Nebel, Vlotho:

Seit Anfang des Jahres ist die Belegung der Kliniken weiter deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig hängen wir bei den Ausgleichszahlungen nach wie vor in der Luft. Beides zusammen fordert viel Kraft. Dennoch hoffe ich, dass die Talsohle der Krise jetzt durchschritten ist. Da weitere Lockerungen vorgesehen sind, müsste es mit der Belegung bald wieder aufwärts gehen. Doch bei allem Optimismus bleibt große Ungewissheit: Die Patienten sind noch sehr zurückhaltend, viele wollen erst dann in die Reha, wenn sie geimpft sind – das kann dauern. Und: Wie sollen die Kliniken mit geimpften und ungeimpften Patienten umgehen oder mit Klinikpersonal, das eine Impfung ablehnt? Niemand soll benachteiligt werden, aber es muss kluge und nachvollziehbare Regelungen geben, möglichst auch einheitlich für alle Kliniken.

Ulf Ludwig, CEO Medical Park Klinikgruppe, Amerang:

Die Belegung hat sich seit Januar nach dem historisch niedrigen Start direkt aus der zweiten Corona-Welle stetig verbessert. Die Orthopädie entwickelt sich gut. In der Neurologie sehen wir deutlich mehr schwer betroffene Patienten – eine Herausforderung für Infrastruktur und Personal. Etwa 30 Prozent kurzfristige Absagen erschweren die Belegungsplanung erheblich. Die Zahl der belegbaren Betten ist wegen der Einzelbelegung auch der Doppelzimmer limitiert. Normalbelegung ist daher nicht erreichbar. Sehr schwierig, da die Pflegesätze für eine 95-prozentige Belegung kalkuliert sind. Die Reha-Branche steht weiterhin vor einer schwierigen Situation.

Annett Traue, Geschäftsführerin der Asklepios Katharina-Schroth-Klinik, Bad Sobernheim:

Wir sind ein orthopädisches Rehabilitationszentrum für die Behandlung von Skoliose und anderen Wirbelsäulenerkrankungen. Viele unserer Patient:innen sind im Kinder- und Jugendalter. Unsere Belegungssituation ist zum Glück relativ stabil. Wir haben also kein Belegungsproblem so wie viele andere Reha-Kliniken, dafür aber ein erhebliches Kostenproblem. Denn der Aufwand hat sich deutlich erhöht: Die Ausgaben für die Hygienemaßnahmen sind gestiegen, die Gruppengrößen in der Therapie wurden verändert, die Therapiezeiten verlängern sich, die Patient:innen essen in Schichten et cetera. All das wird durch die Corona-Zuschläge bei Weitem nicht abgedeckt.