Gutachten mit Vorschlägen zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit

Im Rahmen eines Pressegesprächs wurden am 10. September 2009 im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin die Ergebnisse eines Gutachtens vorgestellt, das der BDPK bei der Universität Duisburg-Essen - Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl - in Auftrag gegeben hatte.

Auf dem Podium (v.l.): Thomas Bublitz, Dr. Katharina Nebel, Prof. Dr. Jürgen Wasem, Peter ClausingDie Studie knüpft an eine Feststellung des Sachverständigenrates zur Begutachtung des Gesundheitswesens an, wonach die bestehenden rehabilitativen und präventiven Möglichkeiten zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit durch die Ausgestaltung des deutschen Sozialversicherungssystems einschränkt sind. Aufgrund der ökonomischen Notwendigkeit und der moralischen Pflicht, die hier offensichtlichen Effizienzreserven zu heben, hat der BDPK von Prof. Dr. Jürgen Wasem und seinen Wissenschaftlern der Uni Duisburg-Essen Konzeptvorschläge erarbeiten lassen, die als Basis für eine Gesetzesänderung dienen können. Damit will der BDPK noch vor der bevorstehenden Bundestagswahl auf den dringenden Handlungsbedarf aufmerksam machen, der unabhängig vom Wahlausgang und parteipolitischen Zielen zu sehen ist.

Konkret wird vorgeschlagen, die bestehenden Regelungen zum Risikostrukturausgleich zwischen den gesetzlichen Krankenkassen so zu ändern, dass dadurch bei den Krankenkassen Anreize gesetzt werden, künftig mehr Menschen vor Pflegebedürftigkeit zu wahren.

Die Studie der Uni Duisburg-Essen sowie weitere ausführliche Informationen stehen Ihnen am Ende dieser Seite zum Download zur Verfügung.


Leiden vermindern und Ressourcen nutzen

Niemand ist gerne auf die Hilfe anderer angewiesen. Für die betroffenen Menschen ist Pflegebedürftigkeit schon schlimm genug, aber darüber hinaus ist sie auch noch teuer: mehr als 19 Mrd. Euro wendet die Pflegeversicherung jährlich in Deutschland an Geld- und Sachleistungen zur Pflege von kranken oder gebrechlichen Menschen auf, Tendenz: dramatisch steigend. Dabei wäre es durchaus möglich, viel Leid zu vermindern und gleichzeitig auch noch die Pflegekassen zu entlasten. Vorschläge dazu macht eine jetzt veröffentlichte Studie des Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhls für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen, die im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken e.V. (BDPK), erstellt wurde.  Der Leiter des Lehrstuhls, Prof. Dr. Jürgen Wasem, ist sich sicher: „Wenn für die Krankenkassen die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit attraktiv gemacht würde, könnten die Lebensqualität von tausenden Menschen verbessert und wertvolle finanzielle Ressourcen sinnvoller verwendet werden“.

Neun von zehn Patienten können nach Hause
Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes werden in Deutschland bereits im nächsten Jahr rund 2,40 Millionen Menschen pflegebedürftig sein. In den nächsten zehn Jahren steigt die Zahl auf 2,91 Millionen und für das Jahr 2030 ist mit etwa 3,36 Millionen Pflegebedürftigen zu rechnen. Aber zumindest bei einem Teil der rund 700.000 Menschen, die pro Jahr neu hinzukommen, könnte die Pflegebedürftigkeit vermieden oder zumindest um Monate, wenn nicht Jahre hinausgeschoben werden. „Aus der geriatrischen Rehabilitation wissen wir, dass neun von zehn Patienten nach Hause können,“ erläuterte die Präsidentin des BDPK, Dr. Katharina Nebel bei der Vorstellung der Studie, „aber selbst wenn es auch nur 10 Prozent wären, dann bedeutet das, dass für 70.000 Menschen ein weitgehend von fremder Hilfe unabhängiges Leben möglich wäre,“ so die Präsidentin des Verbandes, der die Interessen der 1.000 Krankenhäuser und Reha-Kliniken in privater Trägerschaft vertritt.

"Reha vor Pflege wird unterlaufen"
Ausgelöst wird das Problem durch die bestehende Trennung zwischen gesetzlicher Kranken- und Pflegeversicherung. Zu viele Menschen werden heute ohne mögliche Intervention ihrer Krankenkasse aus rein ökonomischen Gründen an die Pflegeversicherung „abgegeben“, was aber letztlich den Krankenkassen nicht einmal angelastet werden könne.  Denn während die Pflegekassen untereinander mit einem Finanzausgleich ausgestattet sind, stehen die Krankenkassen im Beitragswettbewerb und würden im eigenen Sinne unwirtschaftlich handeln, wenn sie mehr in Leistungen zur Vermeidung von Pflege investierten. Folge davon ist, dass solche sinnvollen und Erfolg versprechenden Leistungen wie Case-Management oder Rehabilitation nicht erbracht werden. Dadurch wird der gesetzlich verankerte Grundsatz „Rehabilitation vor Pflege“ unterlaufen. Wenn die kranken und hilfsbedürftigen Menschen erst einmal ins Pflegeheim eingewiesen und ihre bisherige Wohnung oder das Haus weg ist, wird die Rückkehr ins normale Leben schwer oder fast unmöglich. Trotz vorhandenem Teilhabepotential und eindeutiger gesetzlicher Vorgaben zur Vermeidung von Pflegebedürftigkeit werden wegen der verschärften Wettbewerbsbedingungen bei den Krankenkassen viele  Möglichkeiten zur Vermeidung der Pflegebedürftigkeit nicht ergriffen.

Ökonomische und moralische Notwendigkeit
Gelöst werden könnte dieser „systembedingte Interessenkonflikt“ nach Auffassung der Wissenschaftler von der Uni Duisburg-Essen durch einen Finanzausgleich zwischen Kranken- und Pflegeversicherung, der den Krankenkassen finanzielle Anreize für vermiedene Pflegebedürftigkeit gibt. Wie dieser Finanzausgleich organisiert und umgesetzt werden könnte, wird in der Studie der Uni Duisburg-Essen in unterschiedlichen Konzeptansätzen vorgeschlagen. Der BDPK will auf der Grundlage der Studie gerade jetzt vor der Bundestagswahl in der Politik und bei den Krankenkassen-Verbände die dringende Handlungsnotwendigkeit deutlich machen. BDPK-Präsidentin Nebel appelliert an die Verantwortlichen: „Es gibt die ökonomische Notwendigkeit und die moralische Pflicht dafür, die hier offensichtlichen Effizienzreserven sofort zu heben.“

Bild zum Download: Pressekonferenz 10.09.2009
(Bildunterschrift: v.l.n.r.: Thomas Bublitz, BDPK-Hauptgeschäftsführer, Dr. Katharina Nebel, BDPK-Präsidentin, Prof. Dr. Jürgen Wasem, Uni Duisburg-Essen und Peter Clausing, BDPK-Vorstandsmitglied)


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