IQMG-Jahrestagung am 17./18. November in Berlin

IQMG-2016_021

Im Fokus der diesjährigen Tagung des Instituts für Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen (IQMG) standen die aktuellen Entwicklungen der qualitätsorientierten Belegungssteuerung in Reha-Einrichtungen und Krankenhäusern und die Frage nach der Optimierung der Reha-Bedarfserkennung und Antragsstellung.

1. Veranstaltungstag

Dr. Susanne Weinbrenner (Leiterin des Geschäftsbereichs Sozialmedizin und Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung Bund) stellte in ihrem Vortrag die von der DRV geplante Einführung einer qualitätsorientierten Belegungsteuerung vor.  Ziel sei es, insbesondere mit Hilfe von strukturierten Qualitätsdialogen auf Grundlage der Ergebnisse aus der externen Qualitätssicherung, Anreize zur Qualitätsverbesserung zu setzen. Das Belegungssteuerungssystem und die damit verbundenen konkreten Konsequenzen für die Reha-Einrichtungen sollen nach Auswertung wissenschaftlicher Untersuchungen und einer Pilotierung voraussichtlich im Jahr 2020 scharf geschalten werden.   

Eva Sellge (Abteilung Krankenhäuser des GKV-Spitzenverbandes) und Dr. Regina Klakow-Franck (Vorsitzende des Unterausschusses Qualitätssicherung des Gemeinsamen Bundesausschusses) erläuterten die aktuellen Entwicklungen der qualitätsorientierten Belegungs- und Vergütungssteuerung in Krankenhäusern und diskutierten die Reichweite der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung in Hinblick auf die Reha-Einrichtungen. Ziel einer qualitätsorientierten Belegungs- und Vergütungssteuerung solle dabei insbesondere eine Umverteilung der Patienten auf Krankenhäuser mit guter Versorgungsqualität sein. Der Einsatz von finanziellen Abschlägen bei mangelhafter Qualität allein, sei keine Lösung, da dadurch eine schlechte Behandlungsqualität indirekt legitimiert werden würde. Dr. Regina Klakow-Franck warf einen kritischen Blick auf den Nutzen von P4P-Systemen. Eine große Gefahr sieht sie in einer von finanziellen Anreizen möglicherweise evozierten Risikoselektion. Die Versorgung insbesondere schwerstkranker Patienten dürfe nicht dadurch gefährdet werden, dass sich Krankenhäuser aus Angst finanzieller Abschläge gegen eine Behandlung der Patienten entscheiden.

Die Referentinnen waren sich einig, dass der Rehabilitation eine große Bedeutung bezüglich des langfristigen Behandlungserfolgs zukommt und bedauern, dass Reha-Einrichtungen derzeit noch nicht in die longitudinale Betrachtung und Qualitätssicherung der Versorgungskette eingebunden sind. Die Herausforderung liege darin, gemeinsame Ziele zu formulieren und trotz der Unterschiede zwischen und der hohen Komplexität innerhalb der Sektoren, praktikable und aussagekräftige sektorenübergreifende Verfahren zu entwickeln.

Verleihung des Reha-Zukunftspreises 2016

Am Nachmittag des ersten Veranstaltungstags wurde der erstmalig ausgelobte Reha-Zukunftspreis verliehen. Prof. Uwe Koch-Gromus (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg und wissenschaftlicher Leiter des IQMG) führte mit seinem Vortrag "Was macht eine gute Reha aus?“ in die Thematik ein. Er stellte die vielfältigen Herausforderungen dar, vor denen die Rehabilitation in Zeiten des gesellschaftlichen und sozialen Wandels steht und verdeutlichte Weiterentwicklungsperspektiven und den damit verbundenen Handlungsbedarf auf Seiten der Rehabilitationseinrichtungen.

Anschließend wurden in einer feierlichen Preisverleihung die diesjährigen Gewinner-Projekte vorgestellt.  Den ersten Platz des Reha-Zukunftspreises 2016 übergab Prof. Koch-Gromus (Jurymitglied) Frau Ann-Christin Weiland für ihre Bachelor-Thesis zu den Effekten eines Trainings mit Hilfe von Nintendo® Wii Fit Plus bei Patienten mit Multipler Sklerose. Der zweite Platz ging an die Asklepios Klinik Triberg, Fachklinik für Onkologie, für ihr digitales Reha-Nachsorgekonzept "Bewegung nach Krebs – Bewegung ist Leben.“ Dr. Stefan Gronemeyer (stv. Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e.V. (MDS), Jurymitglied) überreichte die beiden dritten Plätze an die Moritz Klinik für ihr "Modell-Aufnahme-Team“ in der neurologischen Rehabilitation und an die Vogelsbergklinik, Dr. Ebel Fachklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, für ihr webbasiertes Nachsorgeprogramm Adipositas.

Weitere Informationen zu den Preisträgern

2. Veranstaltungstag

Am zweiten Veranstaltungstag diskutierten Experten aus Wissenschaft und Praxis, wie die Reha-Bedarfserkennung und Antragsstellung verbessert werden könnte. Prof. Dr. Matthias Bethge (Leitung der Sektion Rehabilitation und Arbeit am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Universität zu Lübeck) stellte auf der Tagung ein von der Universität Lübeck im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickeltes Portal vor, welches Informationen zur Rehabilitation und verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten bei der Reha-Antragsstellung bietet. Zum einen können Patienten im Portal die eigene individuelle Arbeitsfähigkeit und einen ggf. bestehenden Reha-Bedarf identifizieren. Zum anderen bietet das Portal konkrete Reha-Antragshilfestellungen und bildet Erfahrungsberichte ehemaliger Rehabilitanden ab. Nach einer wissenschaftlichen Auswertung der Wirksamkeit soll das Portal ab dem nächsten Jahr freigeschaltet werden.

Dr. Sabine Schipper (Geschäftsführerin des Landesverbandes NRW der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft e.V.) beleuchtete den konkreten Handlungsbedarf aus Sicht von an Multiple Sklerose erkrankten Menschen. MS-Patienten können laut Frau Dr. Schipper erheblich von einer Reha-Maßnahme profitieren, da eine häufig drohende Frühverrentung hinausgezögert und vielfältige krankheitsspezifische Symptome, die die Alltagsbewältigung der Betroffenen schwer beeinträchtigen können, gemildert werden können. Problematisch sieht sie die zum Teil noch mangelhaften Informationen zu den Möglichkeiten und Rahmenbedingungen von Rehabilitationsmaßnahmen und den hohen bürokratischen Aufwand, der mit einer Reha-Antragstellung trotz des Wegfalls des sogenannten "Formulars 60“ noch immer besteht.

Anke Richter (Vorsitzende des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe) stellte in ihrem Vortrag mögliche Hürden bei der Reha-Antragsstellung aus Sicht der Hausärzte dar. Viele Hausärzte seien von den langen und komplexen Reha-Anträgen abgeschreckt, fühlen sich nicht sicher im Umgang mit den Begriffen Reha-Bedürftigkeit, Reha-Fähigkeit und Reha-Prognose und würden von den häufigen Ablehnungen der Reha-Anträge demotiviert.  Häufig hätten Patienten auch noch eine falsche Vorstellung von Reha-Maßnahmen oder sähen sich aus familiären oder beruflichen Gründen nicht in der Lage, an einer Reha-Maßnahme teilzunehmen. Frau Richter betonte die Bereitschaft der Hausärzte, sich auch weiterhin für die erfolgreiche Beantragung von Reha-Anträgen zu engagieren. Den positiven Einfluss, den gute Rehabilitations-Maßnahmen auf die Patienten haben, würden die niedergelassenen Ärzte in ihrer täglichen Praxis bemerken.    

Prof. Dr. Karla Spyra (Leiterin der Abteilung Rehabilitationsforschung am Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité - Universitätsmedizin Berlin) berichtete über ein Projekt zum Übergang aus der ambulanten Versorgung in die Sucht-Reha. Trotz der hohen Prävalenz von Abhängigkeitserkrankungen seien die Vermittlungsquoten vom Entzug in die Entwöhnungsbehandlung noch gering. Im Sinne ergänzender Zugangswege wäre ein direktes Antragsverfahren aus dem ambulanten Sektor sinnvoll. Das Institut für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité - Universitätsmedizin Berlin hat in einer Studie einen spezifischen ärztlich-psychotherapeutischen Befundbericht entwickelt, der die Erfolgsaussichten für die Bewilligung von Reha-Anträgen im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen verbessern soll. Derzeit wird der diagnosefundierte und ICF-begründete Befundbericht für Patienten mit einer Sucht-Reha-Indikation getestet. Im Jahr 2017 soll die Auswertung beendet werden und der Befundbericht möglichst flächendeckend in die Routine überführt werden.

In einer anschließenden Podiumsdiskussion resümierten die Referenten, dass alle beteiligten Akteure gemeinsam bestehende Zugangshürden abbauen und Schnittstellenprobleme beheben müssen. Die Kommunikation zwischen Reha-Einrichtungen, niedergelassenen Ärzten, Selbsthilfevereinen und Fachverbänden, die Information und Aufklärung der Patienten, ein niedrigschwelliger Zugang im Zusammenhang mit einer Entbürokratisierung der Reha-Antragsstellung sowie die konsequente Beachtung des Wunsch- und Wahlrechts und eine klare Zuständigkeitsregelung der Kostenträger sind dabei wesentliche Faktoren für einen langfristigen Erfolg.

Workshops

Wie in den Vorjahren konnten die Teilnehmer auch in diesem Jahr wieder an beiden Tagen Workshops besuchen. Im Workshop "Risikomanagement in Reha-Einrichtungen“ stellte Prof. Dr. Silke Kuske (Professorin an der Fliedner Fachhochschule in Düsseldorf) verschiedene Konzepte der Patientensicherheit dar und erläuterte den Teilnehmern, wie sie Risiken in ihrer Reha-Klinik ermitteln und bewerten können. An Hand von Fallbeispielen diskutierten die Teilnehmer anschließend, wie die Patientensicherheit beispielsweise mit einem Critical Incident Reporting System (CIRS) wirksam verbessert werden kann.

Michael Hedtke und Ingo Randow (langjährige Beschäftigte im Bereich des Datenschutzes innerhalb des öffentlichen Dienstes) informierten in ihrem Workshop "Datenschutz in Reha-Einrichtungen“ zum Thema Einwilligungserklärung, Auskunftsrecht von Rehabilitanden und Beschäftigten und Aufbewahrungsfristen von Personal- und Rehabilitandendaten. Die Teilnehmer erfuhren, wie sie mit Hilfe eines Datenschutzkonzeptes die Rechte der Betroffenen schützen und rechtssicher agieren können. 

Im Workshop "Case Management in der Patientenversorgung- Zauberformel oder hilfreiches Instrument im Klinikalltag?“ berichtete Ulrich Kurlemann (Leiter Stabsstelle Sozialdienst/Case Management Universitätsklinikum Münster) über das Konzept Case Management, mit dem im Universitätsklinikum Münster die Steuerung von Behandlungs- und Überleitungsabläufen und die Überbrückung von Schnittstellen optimiert werden konnte. Die Teilnehmer diskutierten daraufhin Umsetzungsmöglichkeiten in die Praxis ihres Klinikbetriebes.

Vorträge der IQMG-Tagung am 17. und 18. November 2016

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